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Emil Müller – 2

erschienen in: Heft 6/2017

Emil Müller – ein Köthensdorfer Heimatforscher

Einlassungen zu Ereignissen in und um Wittgensdorf in den Tagebuchaufzeichnungen und Niederschriften des Emil Müller (1875 – 1959)

Nachdem wir uns im ersten Teil unseres Beitrages bis in das Jahr 1912 gearbeitet haben, beginnen wir den zweiten Teil mit einer Eintragung, das Jahr 1921 betreffend.

1921 (2/7)

E. Müller schreibt: Am 15. März gab Gottfried Hermsdorf, der Besitzer der großen Diamant-Schwarzfärberei – deshalb sah manchmal die Chemnitz schwarz aus – in UnterWittgensdorf, wo die Firma seit 59 Jahren die Jagdberechtigung ausübt, seinen Bauern einen Jagdball, wo es hoch herging.

1925 (10/12)

Januar, „In Wittgensdorf suchen Leute vergeblich die Leiche eines Kindes, beim letzten Hochwasser fortgenommen“.

1926 (10/15)

Das Bahrmühlengrundstück zwischen Borna und Wittgensdorf ging im vergangenen Jahr in den Besitz der Gemeinde Wittgensdorf über, die aus dem Bahrmühlenteich ein Freibad errichten will. Die alte Mühle mit Schankwirtschaft brannte Ende der 1880er (oder 1903?) Jahre nieder durch Brandstiftung des Besitzers, dem kurz zuvor die Konzession entzogen wurde.

Alte Bahrmühle mit Bahrmühlenviadukt (Eisenbahnstrecke Chemnitz – Leipzig) im Hindergrund - Quelle: Sammlung Heimatstube

1926 (10/17)

Wir lesen: „In Wittgensdorf entsteht an der Chemnitzer Straße ein modernes, villenartiges Gebäude aus Holz. Diese Bauweise bürgert sich jetzt mehr und mehr ein“. Leider lässt sich der genaue Ort der Baustelle nicht ermitteln.

1926 (10/12)

Der alte Gasthof „Wasserschänke“ erhält einen neuen Tanzsaal.

Ansicht Tanzsaal Wasserschänke
Ansicht Tanzsaal Wasserschänke - Quelle: Sammlung Heimatstube
Wasserschänke noch OHNE Saal - Quelle: Sammlung Heimatstube
Wasserschänke MIT neuem Tanzsaal - Quelle: Sammlung Heimatstube

In seiner Nähe ist das Naturbad Röhrsdorf angelegt worden. Das ehem. Naturbad – vormaliger Steinbruch – ist heute ein Privatgrundstück und liegt in unmittelbarer Nähe der Leipziger Straße an der Wasserschänkenstraße Röhrsdorf.

1927 (3/6)

Juni: 2.Pfingstfeiertag, wegen schlechtem Geschäftsgang in Mohsdorf wird die Wittgensdorfer Kapelle wieder in der „Sonne“ verpflichtet. Am 9.7.27 schwere Gewitter und Überschwemmungen in Sachsen. Auch Murschnitz ist stark betroffen. Müller muss, um in Wittgensdorf Musik spielen zu können, von ausgerüsteten Männern in Murschnitz durch das Wasser getragen werden!!

1927 (3/8)

November: In der Kühnhaide wurde bis zum Weltkrieg (1914) Torf gestochen. Dort befand sich auch ein Grabhügel für einen höheren französischen Offizier aus der Zeit der Befreiungskriege, wo von Zeit zu Zeit zwei fremde Damen Andacht hielten. Wahrscheinlich verschwand das Grab beim Bau der Bahnstrecke Wittgensdorf Oberer Bahnhof nach Oberfrohna, der Stein kam auf den Wittgensdorfer Schulhof. (vergl. hierzu Teil 1, 1813, (7/24)

1928 (10/26) + (10/27)

Der jetzige Nordplatz in Wittgensdorf war ein mit Pappeln umstandener Teich („Böhm`s Teich“ – Wasserreservoir für die Bleicherei Böhme, Obere Hauptstraße 53), später durch Auffüllen ein freier Platz, mit Bäumen und Brunnen verschönt. Die nachstehende Postkarte zeigt uns den noch freien Platz ohne die jetzt vorhandenen Stattlichen Bäume. Von Rechts sind zu sehen: Schornstein der Bleicherei Böhme, davor die Bäckerei Schimmel noch ohne den später erfolgten Ladenanbau, daneben das Haus des Fahrradmechanikers Dittmann, dahinter der Gasthof "Sonne" dann das Gebäude des Schmiedemeisters Franke, (Nordplatz 10), darüber das Dach der Textilfabrik Fischbach. Das nebenstehende kleine Haus ist heute Nordplatz 9 und daneben angeschnitten das Haus Nordplatz 8. In diesem Grundstück betrieb Herr Gustav Riedel von 1932 bis 1939 die Riedelsche Strumpffabrik, die bereits 1935 als sehr leistungsfähig registriert wurde.

Quelle: Sammlung Heimatstube
Quelle: Sammlung Striewski

Ein Maler entdeckte bei Anstreicharbeiten in der Wittgensdorfer Kirche auf dem Boden versteckt eine bemalte Christusfigur. Auf Seite 27 lesen wir weiter: Die Christusfigur in der Wittgensdorfer Kirche stammt aus der Kühnhaider Kapelle und ist 300 Jahre alt. Sie ist in der Werkstatt für kirchliche Kunst in Dresden vorgerichtet worden. Innenansicht der Kirche Wittgensdorf im Zustand vor der Rekonstruktion 1921. Man beachte die hier noch vorhandene zweite Empore über und hinter dem Altar. Diese wurde im Zuge der Rekonstruktion entfernt. Bei einer nachfolgenden Rekonstruktion im Jahr 1953 wurde auch die noch existierende zweite Empore an der Längsseite entfernt [3].

Quelle: Sammlung Album Friebel

Eine weitere Eintragung lautet: Clemens Heinig (Bauer, Obere Hauptstraße 113) findet auf seinem Felde eine Kanonenkugel aus der Zeit der Befreiungskriege (1813 – 1815) Dass auch in der damaligen Zeit die Obrigkeit nicht unfehlbar war, zeigt eine weiterer Vermerk: Juli: In Wittgensdorf sind drei Mann der dortigen Polizei wegen Unterschlagung von einkassierten Geldern ihres Dienstes verlustig gegangen und durch Chemnitzer Schutzleute ersetzt worden. Sie haben vor allem Schankstätten aufgesucht und waren selten nüchtern (!!!!).

Eine weitere Eintragung aus 1928 beschäftigt sich mit dem bekannten Wittgensdorfer Bürger Franz Wiedemann. E. Müller schreibt: F. W., 1821 in Wittgensdorf geboren und 1884 in Dresden gestorben, war erst Strumpfwirker, dann Schulmann und Schriftsteller, Heimatdichter und Verfasser vieler Jugendbücher.

![](Emil-Mueller-Teil-2/img-007.jpg "Franz Wiedemann - Quelle: Broschüre "700 Jahre Wittgensdorf"")

![](Emil-Mueller-Teil-2/img-008.jpg "Vaterhaus von F. Wiedemann, Standort: Hinter jetziger Freifläche, ehemals Gasthaus "Sonne" - Quelle: Broschüre "700 Jahre Wittgensdorf"")

Sein Buch „Lehrer der Kleinen“ ist in Wien prämiert worden. Bekannt wurde er auch durch sein, in vielen alten Schullesebüchern enthaltenes Gedicht „Mein Vaterhaus“

Wo´s Dörflein traut zu Ende geht
wo´s Mühlenrad am Bach sich dreht,
dort steht in duftigem Blütenstrauss
mein liebes, altes Elternhaus.!

Darin noch meine Wiege steht,
darin lemt ich mein erst’ Gebet,
darin fand Spiel und Lernen Raum
darin träumt ich den ersten Traum!

Da schlagen mir zwei Herzen drin
voll Liebe und voll treuem Sinn!
Der Vater und die Mutter mein
dies sind die Herzen treu und rein!

Drum tauscht ich für das schönste Schloss
wär’s felsenfest und riesengross,
das alte Bauernhaus nicht aus
denn ‘s gibt ja nur ein Elternhaus!

In (10/26) lesen wir noch: Am Rittergut zu Wittgensdorf zog sich auch einst der sogenannte Kirchmühlenteich hin, wo heute ein Baugeschäft (heute Getränkehandel) und Wohnhäuser ( Obere Hauptstraße 13 – 17) sind, auch in der ehemaligen Kirchmühle mit eigenartiger Bauart.

Kartenausschnitt Lage Kirchmühle und Kirchmühlenteich - Quelle: http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/71055933/df_dk_0010001_5143_1886 (Ausschnitt)
Alte Kirchmühle mit Bäckerei
Alte Kirchmühle mit Bäckerei - Quelle: Sammlung Heimatstube
Alte Kirchmühle, Zustand kurz vor Abbruch - Quelle: Sammlung Heimatstube

1929 (11/6)

In der Nacht vom 14. zum 15. März brannte die ehemalige Schäferei zu Wittgensdorf , gegenüber des Gasthofs „Sonne“, durch Brandstiftung, schon seit Jahrzehnten Scheune des Rittergutes.

Wittgensdorf sah am 16./17.März den größten Mann Deutschlands: erst 18 Jahre alt, 2m und 30cm, schwarz gekleidet und trug noch einen Zylinder. Viele unserer Dörfer besaßen eigene Brauereien, am längsten Wittgensdorf und Claußnitz, erst vor dem Krieg eingegangen, die anderen vor ca. 40 Jahren.

Quelle: Sammlung Heimatstube
Quelle: Sammlung Heimatstube

Der Konsumverein Chemnitz und Umgebung richtet in Garnsdorf und Wittgensdorf (am Rathausplatz) je ein prachtvolles Konsumvereinsgebäude in prunkvoller Weise ein.

„Mittelkonsum“ abgerissen Ende der 1990er Jahre - Quelle: Sammlung Heimatstube

1929 (2/24)

E.Müller schreibt in seinem Aufsatz: „Alte Bäume als Wahrzeichen der Heimat“ über herausragende, alte Bäume. Wir lesen u.a.: Eine einsame Linde stand einst auf dem nordwestlichen Höhenzug von Wittgensdorf. Ältere Leser (zu E.Müllers Zeiten 1929) werden sich ihrer noch erinnern und den Baum unter „Polsters Linde“ kennen. … auch grünen noch die alten Linden der ehemaligen Bahrmühle in Wittgensdorf. … Außer den hier aufgezählten Linden haben unsere Väter noch andere Erinnerungsbäume hinterlassen. Dazu gehörte die einst auf der Höhe unweit der Röhrsdorfer Straße sich stolz erhebende Wittgensdorfer Hofeiche, welche seinerzeit von Sachverständigen auf ein Alter von 400 (?) Jahren geschätzt wurde. Der gewaltige Baum stand nicht allein, sondern war umgeben von einigen , ebenfalls alten Lärchen und das ganze bildete eine kleine Anlage. Die Bedeutung der Hofeiche ist umstritten, während einige glauben, der Baum bezeichne einen ehemaligen Gerichtsort, nehmen andere an, dass die Eiche als Friedenseiche 1648 gepflanzt sei. Der Ortsrichter Müller in Wittgensdorf versicherte mir, dass über den fraglichen Baum nichts Genaues bekannt sei. Die Anlage aber sei, daran könne er sich noch erinnern, von Rittergutsbesitzer Albanus eingerichtet worden. Leider ist die Hofeiche vor einer Reihe von Jahren der Axt zum Opfer gefallen. Das Rittergut Wittgensdorf besitzt noch eine uralte Akazie, die vielleicht mit der ehemaligen Hofeiche gleichen Alters ist.

Alte Akazie, Standort: Ungefähr heutiger Abzweig Bräuteichweg / Rudolf-Harlass-Straße - Quelle: Sammlung Esche

Der Park des Wittgensdorfer Rittergutes erstreckte sich früher bis zur Röhrsdorfer Höhe, wo als Abschluss die Hofeiche mit einigen Lärchen stand. Im Rittergut soll eine Weiße Frau umgegangen sein, weshalb es im Gebüsch des Vorgeländes nicht geheuer gewesen sein,

1930 (11/9)

Am 27. Januar brannte Nachts die Scheune von „Sand-Liebers“, Untere Hauptstraße ab.

1930 (11/10)

Der ehemalige Gutsbesitzer Weinrich in Taura, durch die Inflation an den Bettelstab gebracht, mit 93 Jahren ältester Einwohner unserer Pflege, alter, gedienter Soldat, hielt, wie schon zu seiner Militärzeit, am 6.April in der „Sonne“ Wittgensdorf einen Vortrag über die alte Zeit. Er stiftete das 1883 Tauraer Kriegerdenkmal an der Taurasteinstraße. Das linke Foto aus dem Buch von Arthur Beil, "Beiträge zur Geschichte Tauras" zeigt das Denkmal im Ursprungszustand, das rechte Foto zeigt es nach der Restaurierung und Neuaufstellung im Jahr 2002. Die ersten Foto abgebildete Eiche steht existiert noch und ziert auch heute das Denkmal.

Quelle: A.Beil in [2]
Quelle: Sammlung Nier

1930 (3/12)

Juli, Auf Grund der Quellenfassung für die Stadt Burgstädt (Anmerkung: Quellenfassung in einem Waldstück im Quellgebiet der Holzbach im "Schwarzholz" [rechtsseitig der Eisenbahnstrecke Chemnitz – Leipzig nach dem Abzweig der Eisenbahnstrecke nach LimbachOberfrohna]) sind fast sämtliche Brunnen auf der Gasse versiegt. Abhilfe brachte erst eine Brunnenvertiefung auf teilweise bis zu 15 m.

1930 (11/11)

September Das sogenannte Kappellengut in Herrenhaide war früher Vorwerk des Thalheimschen Gutes in Göppersdorf und stand an der Stelle der Kapelle zum Heiligen Kreuz, wo jetzt nur noch eine Pappel steht.

Quelle: Isolde Korb, Herrenhaide Einst und Jetzt, Schnelldruck Berger, Burgstädt, 1997
Quelle: Isolde Korb, Herrenhaide Einst und Jetzt, Schnelldruck Berger, Burgstädt, 1997

1931 (11/14)

Januar Frau Oberlehrer Schuhmann in Wittgensdorf ist gestorben. Sie war die Tochter des Auerswalder Müllers Löbel und war durch ihre Fährmannsdienste beliebt: Wer nicht durch die Furt waten wollte, wurde von ihr mit dem Kahn übers Mühlenwehr gefahren.

1931 (11/16)

Am 10.5.1931 brennt in der Nacht die Feldscheune des Wittgensdorfer Rittergutes ab.

1931 (11/17)

Die in der Nähe der Hermsdorfschen Färberei in Nieder-Wittgensdorf gelegene kleine Gastwirtschaft ist das einstige Waldläuferhaus des Wittgensdorfer Rittergutes gewesen, heute Bestandteil des Hermsdorfschen Besitzes.

1932 (11/22)

Der Wittgensdorfer Totengräber verübte Selbstmord in einem Wasserloch des Sanderschen Steinbruches. Er hatte Eisenstücke in den Taschen und blieb 5 Wochen verschwunden. Eine in dem alten Spinnereigebäude wohnende Frau Winkler, geb. Liebers endete ihr Leben im Chemnitzfluss.

1933 (12/4)

Die Firma Louis Hermsdorf, Färberei in Wittgensdorf, ist in Zahlungsschwierigkeiten gekommen und bietet einen Vergleich an mit 60%iger Gläubigerabfindung.

1935 (12/17)

Am 4.Mai ist ein Knabe, der Familie einziges Kind , in Unter-Wittgensdorf in die Chemnitz gefallen und verschwunden geblieben, bis man ihn nach 10 Tagen an der Bahnhofsbrücke Auerswalde- Köthensdorf fand.

1935 (4/11)

Juli Der Komplex der Hermsdorfschen Färberei soll abgerissen werden. Vom Material soll eine Siedlung von 100 Häusern entstehen. Beim Gastwirt und Materialwarenhändler Max Speck ereignet sich im nur 2 m hohen Hinterhaus ein tödlicher Unfall durch Schädelbruch, ein Wittgensdorfer Zimmermann Naumann stürzte ab.

Weiter schreibt E. Müller: Am 9.Juli fuhr ich mit dem Rad zur Baustelle der neuen Reichsautostraße nach Wittgensdorf. Anmerkung: M.E. kommt hier nur die Wittgensdorf am nächsten liegende Stelle der A4 am Bahrmühlenviadukt in Betracht

Preußische P8 (?) mit D-Zug auf dem Bahrmühlenviadukt - Quelle: Sammlung Heimatstube

Mit dieser Eintragung endet der zweite Teil unserer Betrachtungen zu den „Müllerheften“ des Heimatvereins Köthensdorf. Der dritte und damit letzte Teil erscheint im Heft 2 / 2018 nach dem Jahresrückblick 2017.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

Quellenverzeichnis:
[1] - Geschichten aus dem Chemnitztal, Heimatverein Köthensdorf, Hefte 1 – 15
[2] - Arthur Beil, Beiträge zur Geschichte Tauras, Gemeindeverwaltung Taura
[3] - Kirchgemeinde Wittgensdorf-Geschichte- Letztes Jahrhundert http://www.kirchgemeinde-wittgensdorf.de/

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