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Sachsenguss – 1

erschienen in: Heft 5/2019

Die „Sachsen Guss GmbH“ in Wittgensdorf – ein Unternehmen mit Geschichte und Zukunft

In unserem Beitrag wollen wir uns mit der Geschichte und der Entwicklung der im Jahr 1974 mit der Errichtung von 210 Werkswohnungen am Bräuteich- und Friedhofsweg, später Rudolf-Harlaß-Straße, begonnenen Großinvestition „Neubau Rudolf-Harlaß-Gießerei“ befassen. Jeder Wittgensdorfer kennt die im oberen Ortsteil im Gleisbogen der Limbacher Bahnstrecke liegende Gießerei, deren Firmenname „Sachsen Guss“ in großen Lettern nebst dem Logo der Firmengruppe schon aus der Ferne zu sehen ist.

Quelle: Sachsenguss GmbH

Allerdings wissen nur wenige Eingeweihte bzw. dort Beschäftigte über deren Entwicklung, Geschichte und Zukunft Bescheid. Wir wollen mit unserem Artikel unseren Lesern ein allgemein verständliches Bild dieses Unternehmens mit seiner Geschichte bis hin zu seinem heutigen Stand vermitteln und dabei historische, technische und auch kulturhistorische Fakten und Ereignisse darstellen.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei den Herren Hans-Ulrich Boldau, Technischer Geschäftsführer der Sachsen Guss GmbH und Burkhard Kintzel, vormaliger Leiter der Personalabteilung der Sachsen Guss GmbH für ihre vielfältige Unterstützung bei der Erarbeitung meines Artikels bedanken, der ohne sie nicht zustande gekommen wäre.

Doch beginnen wir erst einmal mit der Geschichte:
Erste Gießereien für Eisen Guss entstanden in Chemnitz Anfang des 19. Jahrhunderts. In der Folgezeit wechselten sich Neugründungen und Schließungen immer wieder ab. Angetrieben durch den Gussbedarf der entstehenden Maschinenbaubetriebe waren zum Beispiel gemäß einer Recherche der AG Gießerei im Förderverein des Industriemuseums Chemnitz in den 1930iger Jahre ungefähr 30 Gießereibetriebe in Chemnitz ansässig. Die genaue Anzahl ist allerdings nicht mehr feststellbar.

Zu den bekanntesten Gießereien gehörten unter anderen:

Hinzu kamen noch große Gießereibetriebe wie Gustav Krautheim in Borna (Sandstraße) und Altendorf (Wörth-, heute Schiersandstraße) sowie weitere Unternehmen in den verschiedensten Sparten – Grau- und Stahlguss, Gelb- und Bronzeguss sowie Gießereien für Sonderwerkstoffe.

Mit dem Kriegsende 1945 und der Einrichtung der Besatzungszonen durch die Siegermächte des II.WK erfolgte in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die Enteignung nahezu aller größeren Maschinenbaubetriebe und damit auch ihrer Gießereien.

Das nachfolgende Schema aus [1] zeigt die Entwicklung der Ursprungsgießereien bis zur Bildung der Vereinigten Chemnitzer Gießereien im Jahr 1951 auf.

In [1] finden wir auf den Seiten 24 ff die nachfolgenden Informationen:

In [1] finden wir auf den Seiten 24 ff die nachfolgenden Informationen:

01.10.1951

Mit dem 01.10.1951 erfolgte der Zusammenschluss von sechs bisher selbständigen Gießereien zu den VEB Vereinigte Chemnitzer Gießereien mit einer Belegschaftsstärke von 1.257 VBE und einer Jahresleistung von 14.225 Tonnen Grauguss sowie 452 Tonnen Schwermetall.

1953

Im Jahr 1953 wird der Betrieb in VEB Gießerei „Rudolf Harlaß“ umbenannt.

1963

Erfolgt der Anschluss der Betriebe Sandstraße 116 (vorm. G. Krautheim) und der Gießereien Frankenberg und Hainichen. Die Belegschaft hat sich auf ca. 3.450 VBE erhöht. Die Leistung der Gießereien liegt bei 24.000 Tonnen Stahl- und 23.000 Tonnen Grauguss per anno.

01.07.1969

Auf Weisung des Ministers für Verarbeitungsmaschinen- und Fahrzeugbau der DDR wird am 01.07.1969 das VEB Werkzeugmaschinenbaukombinat „9.Oktober“ Berlin gebildet. Der VEB Gießerei „Rudolf Harlaß“ ohne den inzwischen ausgegliederten Stahlgussbereich, geht als Zulieferant für die Kombinatsbetriebe in den Verbund ein. 1970

Ab 1970 gehören zu „R. Harlaß“ noch 5 Fertigungsbereiche mit 1.464 Mitarbeitern. Diese realisieren eine Jahresleistung von 23.250 Tonnen Grauguss.

1973

Ab 1973 erfolgt der Einstieg in das Exportgeschäft mit dem Export von Gusserzeugnissen in die BRD, nach Rumänien, Frankreich, Luxemburg, Schweden und Belgien.

1974

1974 beginnt in Wittgensdorf am Bräuteich- Ecke Friedhofsweg der Bau von insgesamt 210 Werkswohnungen in einer Siedlung von 11 viergeschossigen Häusern, davon 9 Häuser für Werksangehörige und 2 Häuser zur Verfügung der Gemeinde Wittgensdorf.

Blick über die Baustelle - Quelle: Archiv Sachsenguss

1975

1975 bezieht die Aufbauleitung des Betriebes mit 50 Mitarbeitern den ehem. Gasthof „Wasserschänke“ an der F95 (Leipziger Straße).

Quelle: Sammlung Heimatstube

24.03.1976

Nach dem Beginn der Erd- und Bauarbeiten ist am 24.03.1976 der Tag der Grundsteinlegung gekommen. Auf der Baustelle sind rund 1.000 Bauarbeiter und später noch dazu ca. 500 Montagearbeiter tätig.

Blick über das Baustellengelände in Richtung Limbacher Bahnstrecke - Quelle: [1] Seite 32

Als Investauftraggeber (IAG) und Verantwortlicher für die Verfahrenstechnik fungiert der VEB Gießerei „Rudolf Harlaß“, Generalauftragnehmer (GAN) ist der VEB Rawema K.-M.-St. mit den Hauptauftragnehmern (HAN) GISAG Leipzig (Ausrüstung), BMK Süd (Bauleistungen), Starkstromanlagenbau Leipzig (Elektro) und Kombinat Luft- und Kältetechnik (Lüftung).

01.10.1978

Im „Altbetrieb“ wird am 01. Oktober 1978 in der Gießerei an der Kappler Drehe (heute Industriemuseum) die 250.000te Tonne Eisen für Werkzeugmaschinenguss abgestochen und vergossen.

Abstich der 250.000 Tonne WMW-Guß - Quelle: [1], Seite 33

Oktober 1980

Zur Absicherung des technologisch notwendigen Vorlaufs beginnt im Oktober 1980 im bereits fertiggestellten Bereich Modellbau die Herstellung der erforderlichen Modelle und Modellplatten nach den vorgegebenen technologischen und verfahrenstechnischen Bedingungen für die neuen Anlagen der Mechanischen Formerei und der Abteilung Formautomat.

Luftbild des Gießereigeländes - Quelle: Archiv Sachsen Guss
Bebauungsplan des Gießereineubaus - Quelle: [1], Seite 35

1981

Beginnend mit dem Jahr 1981 wurden bis 1983 ca. 1.000 Mitarbeiter aus den alten Fertigungsbereichen in den Neubau, z.T. mit völlig neuer Tätigkeiten, umgesetzt. Die letzten Abgüsse in den alten Produktionsbereichen waren:

DatumBereichOrt
31.07.1982FB IZwickauer Str. 191-225
08.06.1983FB IISchiersandstra. 3-5
30.06.1982FB IVFrankenberg

Der Fertigungsbereich II (Scheffelstraße) wurde auf Grund seines relativ guten baulichen und ausrüstungstechnischen Zustandes für den Großguss (Gussstücke größer 5,0 bis ca. 30 Tonnen, Einzelstücke bis 5,0 Tonnen) und die Ausbildung von Gießereifacharbeitern vorgehalten.

23.04.1982

Im Neubau erfolgte der 1. Abguss in der Abteilung Mechanisierte Formerei am 23. April 1982. Die nachfolgenden Abbildungen zeigen den ersten Guss in der Abfolge: Formen - Kerne - Abstich

1. Formen - Quelle: Archiv Sachsenguss
1. Kerne - Quelle: Archiv Sachsenguss
1. Abstich - Quelle: Archiv Sachsenguss
1. Guss in der Handformerei - Quelle: Archiv Sachsenguss
Erinnerungsplakette - Quelle: [1], Seite 34

Für Statistiker sei noch bemerkt, dass die Gesamtanlage in ihrer territorialen Abgrenzung ca. 22,5 Hektar umfasst. Darin sind 72.000m² überdachte Fläche enthalten. Der Investitionsaufwand belief sich auf 915,206 Mio. DDR-Mark.

Doch der Aufwand hat sich gelohnt.
Die entstandene Produktionsanlage rechtfertigt mit ihren Ergebnissen und den entstandenen produktionstechnischen und sozialen Ausrüstungen und Verhältnissen jede einzelne investierte Mark. Lag z. Bsp. die Tonnage in den fünf Fertigungsbereichen im Jahr 1970 bei 23.250 t/a wurden 1983 schon in der Anfahrphase – noch Probebetrieb – 18.340 t/a guter Guss hergestellt. 1984 erreicht die Produktion 24.280 t/a. Dabei lief der sog. Formautomat teilweise noch im Probebetrieb.

02.04.1986

Am 02. April 1986 wird die 100.000te Tonne Guss abgestochen.

1989

Im letzten vollen Jahr als VEB Gießerei „Rudolf Harlaß“ beläuft sich die Produktion auf 35.555 t/a. Die Belegschaft verringert sich von 1.962 Mitarbeitern im Jahr 1984 auf 1.760 im Jahr 1989.

Bevor wir uns der Wendezeit und der Umfirmierung zur HARLASS GUSS GmbH Wittgensdorf zuwenden, wollen wir noch auf die technische Ausstattung des Gießereibetriebes und die Gesamtheit der Arbeits- und Lebensbedingungen der in der Gießerei Beschäftigten eingehen. Hier hilft uns neben [1] auch ein kleines Heft mit dem Titel „Information der Werktätigen zum Neubau der Gießerei „Rudolf Harlaß“ [2] weiter. Hierin wird in anschaulicher Weise über das Neubauvorhaben mit Angaben zum Standort, seine Verknüpfung mit dem Ort Wittgensdorf, den geplanten Verkehrsanbindungen sowie mit ausführlichen Informationen zum technischen Aufbau der Gießerei und den damit verbundenen der Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten informiert.

Quelle: [2]

Die Erläuterung zum Gießerei-Neubau beginnt mit einem Satz, welcher in seiner Kompaktheit den Sinn und das Ziel des Vorhabens vollständig darstellt:

„Mit dem Gießerei-Neubau soll ein vollständiger Produktionszyklus vom Modellbau über die eigentliche Gusserzeugung bis zum spannungsfrei geglühten und grundierten Gussstück realisiert werden.“

Es würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen, jeden einzelnen Punkt der o. a. Information zur Gießerei darzustellen. Deshalb sei nur so viel gesagt: Die neue Gießerei wurde mit den für den damaligen Stand der Technik modernsten Maschinen und Anlagen ausgerüstet. Die Anordnung der einzelnen Bereiche erfolgte nach den technologischen Abläufen, um mit dem geringsten Transportaufwand einen nahezu kontinuierlichen Ablauf der Fertigung zu realisieren. Dieser Produktionsablauf ist schon sehr gut aus den o.a. Informationspunkten (5.2 bis 5.3.7) ersichtlich. Um die Gussproduktion hinsichtlich der geforderten Qualitäten variabel gestalten zu können, wurde der Schmelzbetrieb vollelektrisch eingerichtet. Die Ofenbeschickung wurde weitestgehend automatisiert und von den Arbeitsbereichen der Schmelzer abgetrennt. Dies gilt auch für die schwere und sehr schmutzige Arbeit des Gußputzens. Hier kamen u. a. Gußputzmaschinen aus der damaligen CSSR zum Einsatz, welche diese Arbeit wesentlich erleichterten.

Diese Ausführungen sollen jedoch erst einmal zu Technik genügen, wir werden im Teil 2 unseres Beitrages noch einmal auf dieses Thema eingehen. Für Interessenten können wir die Quelle [2] als Pdf-Datei zur Verfügung stellen - Kontakt: heimatverein@wittgensdorf.de.
Abschließend zum Teil 1 unseres Beitrages wollen wir noch einmal die sog. Arbeits- und Lebensbedingungen der Werktätigen in der neuen Gießerei beleuchten. Dieses Ziel stellt die Informationsschrift wie folgt dar:

Quelle: [2], Seite 16

Das Spektrum der Sozialeinrichtungen begannen mit der Betriebsgaststätte (2 x Stammessen, 3 x Wahlessen, 1x Schonkost, Pausenversorgung) und für Werktätige mit Pausenzeiten in Abhängigkeit der Produktion die sog. Sozialinseln (Ausstattung mit Automaten für Kalt- und Heißgetränke, Kaffee, Kühleinrichtungen für kalte Speisen) in verschiedenen Produktionsbereichen. Im Sozialgebäude befanden sich neben den Schwarz – Weiß – Garderoben mit den zugehörigen Sanitärräumen noch eine Vielzahl Einrichtungen/Räume welche den Betriebsangehörigen zur Nutzung bereitgestellt wurden. So zum Beispiel im:

OrtEinrichtung
KellergeschossKegelbahn mit 4 Bahnen Gymnastik-/Krafttrainingsraum Tischtennisraum (2 Platten) Billardraum Zugehörige Umkleide- und Sanitärräume
ErdgeschossVerkaufsstelle WTB (Waren täglicher Bedarf) Annahmestelle Dienstleistungskombinat BEWA Burgstädt (Dienstleistungen aller Art)
Erstes ObergeschossFrisör Damen und Herren Fußpflege Bibliothek für Literatur und Schallplattenausleihe Zirkelräume ( Foto, Philatelie, Schach, Musik, Gestaltung)

Hinzu kam noch ein komplett eingerichtetes Ambulatorium für Allgemeinmedizin, Stomatologie und Physiotherapie nebst einer zugehörigen Sauna.

Großer Wert wurde auch auf die Aus- und Weiterbildung der Werktätigen gelegt. Bedingt durch den hohen Ausstattungsgrad der Produktion mit vielen neuen Ausrüstungsgegenständen ergaben sich somit auch neue und höhere Anforderungen an die Qualifizierung der Beschäftigten. Diese wurden im betriebseigenen Bildungszentrum sowie in geeigneten Partnerbetrieben (z. Bsp. VEB GISAG Leipzig, Gießerei Meuselwitz) realisiert.

An dieser Stelle möchten wir den ersten Teil unseres Beitrages abschließen. Im nächsten Teil behandeln wir die Umwandlung des Betriebes in die HARLASS GUSS GmbH, die Aufnahme als FLENDER GUSS GmbH Wittgensdorf in den FLENDER-Verbund, dessen Verkauf an die SIEMENS AG sowie den nachfolgenden Erwerb der Gießerei durch den Unternehmer Josef Ramthun mit der Umfirmierung zur Sachsen Guss GmbH Wittgensdorf.

Ullrich Nier
Ortschronist
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.

Literaturverzeichnis:
[1] – 100 Jahre Gießereitradition Chemnitz, von der Kappler Drehe zur Flender Guss GmbH Wittgensdorf. Festschrift der FLENDER GUSS GmbH Wittgensdorf 1998
[2] – Information zu Neubau Gießerei „Rudolf Harlaß“ (III-11-24 Kv 2496/75)

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