Wittgensdorfer Schützen
erschienen in: Heft 3/2015
Aus der Geschichte der Schützengesellschaft Wittgensdorf
Ein Beitrag zum 200jähigen Jubiläum Schützengesellschaft Wittgensdorf von Dietmar Esche und Ullrich Nier
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.
Man schreibt das Jahr 1815. Der Wiener Kongress bei dem die Herrscher der europäischen Staaten über Napoleon und seine Verbündeten zu Gericht gesessen hatten, war zu Ende gegangen. Sachsen hatte, wie schon oft davor, auf der falschen Seite gestanden und musste nun als Konsequenz große Gebiete seines Territoriums an Preußen und Thüringen abgeben. Hinzu kam, dass König Friedrich August von Sachsen auf Grund seiner Koalition mit Napoleon nicht am Wiener Kongress teilnehmen durfte und stattdessen auf Schloss Niederschönhausen bei Berlin für 20 Monate festgesetzt war. Doch auch diese Zeit hatte ein Ende und so kehrte Friedrich August am 7. Juni 1815 unter dem Jubel der Sachsen wieder nach Dresden zurück.
In der Riedel-Richterchen Chronik lesen wir im Eintrag für das Jahr 1815 u.a. folgende Zeilen:

Die "Übersetzung" dazu lautet wie folgt:
Den 7. Juni kam unser König Friedr. August nach einer Abwesenheit von 20 Monaten aus den oest. Staaten in seine Residenzstadt Dresden zurück, in seiner Abwesenheit vertrat der russ. kaiserl. Fürst Repiim als Guverneur die Regierung in Sachsen. Den 13. Jun. standen russ. Cüraßier auf den Marsch nach Frankreich hier in Nachtquartier.
Nach der Rückkunft unsres Königs ward in Sachsen ein Fest gefeiert zu Ehren seiner hohen Person, das Königsfest genannt. Dieses Fest ward den 25. Juny allhier gefeyert : am Vorabend den 4. Jun. ward es mit Einlauten dreyer Puncte bekannt gemacht zwischen jeden Puncz ward von den hiesigen Abgedienten Militairpersonen mit dem Gewehr eine Salve gegeben. den 25. früh 4 Uhr wieder wie am Abend vorher, gegen 8 Uhr nahm der Gottesdienst seinen Anfang, vorher Versammlet sich die Commune in der Pfarrwohnung, von da gieng der Zug Ordnungsweise unter Gesang in die Kirche die mehrsten von der Jungfernschaft weis bekleidet mit Vorsitz um den altar, die Jünglinge auf den Emporkirchen und die übrigen Communglieder. Nun ward aus den Dresdener Gesangbuch Nr. 640. vom 1. bis 6. Vers Abgesungen nach diesen der 60. Psalm statt der Epistel Abgelesen, dan das erwehnte Lied bis zu Ende gesungen, und der 100. Psalm statt des Evangeliums Abelesen, dan der allgemeine Kirchenglaube gesungen und eine Predigt über Psalm 61 v. 7 gehalten nach der Predigt ward das Te Deum Gesungen unter Lautung aller Glocken und drey Gewehrsalven auf den Kirchhof geben. Der Altar war mit 8 brennenden Kerzen und mit Eichenlaub umwundnen Behängen Verzieret desgleichen auch das Herrschaft.. und schulchor mit den Namenszug unsres Landesvaters Friedr. August verzieret.
Die Rückkehr des Königs war mit großen Hoffnungen verbunden und wurde somit mit der entsprechenden Begeisterung begangen und gefeiert. Der damals aus den Befreiungskriegen hervorgegangene patriotische Geist und die nationalistische Begeisterung führte in vielen Orten zur Gründung von Schützenvereinen. Begünstigt wurden diese Gründungen auch durch die Tatsache, dass nahezu alle aus den Befreiungskriegen zurückgekehrte ehemalige Soldaten noch ihre Uniformen und Waffen besaßen. Verbunden mit den Erfahrungen dieser Menschen aus dem militärischen Leben waren die besten Voraussetzungen zur Bildung dieser Schützengesellschaften gegeben.
In einer kleinen Chronik zur Wittgensdorfer Schützengesellschaft lesen wir zur Gründung derselben:

Weiter lesen wir hier, dass schon im Jahr 1817 die Schützengesellschaft bei den Festlichkeiten zum Reformations- und Regierungsjubiläum öffentlich auftrat, was auf eine gute Organisation schließen lässt. Im Jahr 1823 erhielt die Schützengesellschaft ihre ersten Statuten, sie wurden "Grundgesetz" genannt und wurden vom damaligen Gerichtsherrn, Herrn Rittmeister von Schönberg anerkannt und genehmigt. Derselbe schenkte auch der Gesellschaft ihre erste Fahne, die unter eine entsprechenden Festlichkeit geweiht wurde. Ebenfalls im Jahr 1823 fand das erste Vogel- resp. Königsschießen auf einem zum Lehngericht (ehem. Kirste-Gut, OH 32) gehörenden Grundstück statt.
Die Schützengesellschaft bestand damals aus 62 Mann:
- 1 Major
- 1 Hauptmann
- 1 Adjutant
- 1 Oberlieutnant
- 1 Unterlieutnant
- 1 Fahnenjunker
- 1 Feurier
- 1 Feldwebel
- 1 Sergant
- 5 Unteroffiziere
- 1 Bat. Tambour
- 2 Tambouren
- 6 Hornisten
- 2 Zimmerleute
- 37 Gemeine
Die Offiziere waren dabei vollständig uniformiert - gleich denen der städtischen National-Bürgergarde - und führten im Ringkragen sowie in der Fahne das Schönbergsche Wappen - einen Löwen. Die Unteroffiziere und Gemeine trugen lange blaue Überröcke, dreieckige Hüte mit grün und weißen Federstützen sowie Ober- und Untergewehr und Patronentasche. Sie waren mit Flinten bewaffnet.
Diese Ausrüstung war durch jedes Mitglied der Schützengesellschaft selbst zu finanzieren und stellte für den einfachen Bürger, wollte er Mitglied werden, doch eine erhebliche finanzielle Belastung dar.
An dieser Stelle soll eine interessante, wenn auch unbestätigte Episode der Schützengesellschaft eingeflochten werden. Ein bekanntes Mitglied der Wittgensdorfer Schützen war der Revierförster Valentin, Kräutergärtner und Gastwirt des Bergschlößchens. Dieser hatte, wie die Mär berichtet, im Entferntesten mit dem Wildschütz des Erzgebirges, Carl Stülpner, gedient. Dieser wiederum hatte verwandtschaftliche Beziehungen nach Köthensdorf und es kann angenommen werden, dass Stülpner bei seinen Besuchen in Köthensdorf auch in Wittgensdorf im "Bergschlößchen" einkehrte um seinen alten Kriegskameraden zu treffen. Eine interessante Episode, aber leider nicht nachweisbar.
Nach dem Tod des letzten Schönbergers im Jahre 1828 ging das Rittergut samt Gerichtsbarkeit in den Besitz des Herrn Carl Sigismund Albanus über. Albanus genehmigte und bestätigte die Statuten der Schützengesellschaft erneut und stiftete am 2. Oktober 1831 eine neue Schützenfahne. Das Stiftungsschreiben ist erhalten und hat folgendes Aussehen:

Übersetzung: Indem ich die löbliche Schützen Kompagnie mit einer neuen Fahne beschenke, beabsichtige ich, den sämtlichen Mitgliedern derselben meine Gewogenheit dadurch zu bestätigen und wünsche, daß solche stets zum freundlichen Andenken an mich getragen werden. Ich wünsche aber eben so sehr, daß das gute Einverständnis und die Ordnung welche bisher zu meiner herzlichen Freude unter Euch Lieben stattfand, auch ferner bestehen und sich immer fester begründen möge, auf welche Weise die Kompagnie der ganzen lieben Kommune im Allgemeinen nützlich werden kann und wird.
Euer Losungswort sei: " Eintracht und gemeinnütziger Sinn "
Ich bin Euch allen mit Liebe ergeben.
C. S. Albanus
Wittgensdorf den 2.Oktober Siegel 1831
Bei der frühbürgerlichen Revolution 1848/49 stand die Schützengesellschaft getreu ihren Statuten auf der Seite des sächsischen Königs. Sie sorgte für Ruhe und Ordnung in Wittgensdorf, indem sie den Sicherheitsdienst übernahm und Wittgensdorfer Bürger daran hinderte nach Dresden zu gehen.
Im Jahr 1855 verlegte die Schützengesellschaft ihren Sitz vom Lehngericht zum neuerbauten "Gasthof zur goldenen Sonne".

Gleichzeitig wurde der Schießplatz nach dem in der Nähe gelegenen Kühn`schen Gut verlegt.
Zum 50jährigen Bestehen der Schützengesellschaft erteilte die damalige Königliche Kreisdirektion zu Zwickau die Erlaubnis zur Abhaltung eines dreitägigen Vogelschießens verbunden mit jahrmarktähnlichen Verkehr. Dieses Fest fand am 16., 17. und 18. Juli statt. Die Mitgliederzahl war bis zu dieser Zeit auf 104 angewachsen.
Besonders hervorzuheben ist auch das gemeinnützige Wirken der Gesellschaft. So hatten die Signalisten bis 1867 bei ausbrechenden Schadenfeuern den Ort zu alarmieren und jeder Schütze war verpflichtet, „sofort mit Gewehr zum Brandplatz zu eilen woselbst unter dem Comando eines Offiziers die Brandstelle abgesperrt und die geretteten Gegenstände bewacht wurden“.
Im Jahre 1871 wurde der Schießplatz auf das Seipt`sche Gut verlegt und für 892 Taler, 9 Neugroschen und 5 Pfennige eine neue Schießhalle erbaut. In diesen Jahr begann auch der Tausch der Uniformen vom blauen Waffenrock in eine moderne Joppe sowie der dreieckige Schützenhut in einen neue deutschen Hut. Das nachstehende Foto zeigt sehr deutlich den Unterschied der Uniformen. In der Bildmitte mit großer Schärpe ist Herr Kommerzienrat Richard Theodor Steinbach zu sehen.

Oben rechts ist die Fahne der Gesellschaft zu erkennen. Diese wurde 1884 wiederum durch die Frauen der Schützen angeschafft, da die beiden o.a. Fahnen durch die Zeit arg zerstört waren. Die Fahne wurden durch die Leipziger Firma Hanicke angefertigt und kostete 322 Mark. Tischlermeister Gottlob Knorr schenkte der Gesellschaft die Fahnenstange und der Gastwirt Moritz Eichler stiftete die Spitze dazu. Am 14. Juli 1884 wurde die Fahne mit einer Festrede des Pfarrers Lohmann geweiht.

Die Übersetzung lautet:
Referat
Über die Fahnenweihe
der Schützengesellschaft zu Wittgensdorf
am 14. Juli 1884
Die beiden Fahnen der Schützengesellschaft zu Wittgensdorf, von denen die eine im Jahre 1815 von dem Rittergutsbesitzer Grafen von Schönburg, die andere im Jahr 1931 von dem Rittergutsbesitzer Siegismund Albanus aus Anerkennung und hochachtungsvoller Verehrung der gedachten Schützengesellschaft als Geschenk überreicht wurden, sind durch die langjährigen Strapazen und Abnutzungen in einen Zustand gekommen, welcher schon manchmal den Wunsch nach einer neuen Fahne laut werden ließ. Demzufolge haben die Frauen der Gesellschaft sich zu einem Comite gebildet, welches durch gemeinschaftliche Beiträge die Möglichkeit zu erringen bestrebt gewesen, die Anschaffung einer neuen Fahne zu erzielen, was dann auch nach gehabten vielen Bemühungen mit gutem Erfolge gelungen ist. Durch gedachte Beitragssammlung war das betreffende Frauen-Comite im Stande, die jetzige neue Fahne anzuschaffen, welche aus grün und weißer Seide besteht und in geschmackvoller Ausführung inmitten von 4 Eichenkränzen auf der linken Seite das Sächsische Landeswappen , auf der rechten Seite dagegen 1 Schützen-Hut und 2 Gewehre sowie folgende Inschrift trägt:
Schützengesellschaft zu Wittgensdorf
gegründet 1815
geweiht 1815
gewidmet 1884 von den Frauen


Am 11. Juli 1892 beging man das 75jährige Jubiläum, da angenommen wurde, das die „festere“ Gründung der Gesellschaft erst 1817 erfolgt sei. Die Festrede hielt Herr Pfarrer Frommhold. Zur Festveranstaltung waren sämtliche Wittgensdorfer Vereine und die Schützengesellschaften der umliegenden Orte geladen und erschienen.
Im Jahr 1896 wurden die alten Statuten durch neue ersetzt und von der Königlichen Amts- bez. Kreishauptmannschaft genehmigt. Auf Grund dieser Statuten wurde die Gesellschaft neu eingerichtet und reorganisiert. In den Folgejahren entwickelte sich die Schützengesellschaft ständig weiter und prägte das gesellschaftliche Leben von Wittgensdorf. Die jährlichen Schützenfeste waren Volksfeste im besten Sinne. Sie gingen in der Regel über 4 Tage und endeten immer mit dem "Schützenball". Eine Aufstellung der genehmigten Belustigungen aus dem Jahr 1936 soll uns die Veranstaltung vor Augen führen. Zugelassen waren:
| Name | Ort | Attraktion |
|---|---|---|
| Emil Schelling | Burgstädt | Riesenrad, Kinderkarussell, Eisbude, Tischrad |
| Emil Lechner | Leipzig | Amerikan. Schaukel, Verkaufsbude |
| Alfred Preiß | Leipzig | Kinderkarussell, Schießbude |
| Rosa Förster | Chemnitz | Panorama und Schaubude |
| Paul Schmidt | Leipzig | Zuckerbude |
| Paul Rudolf | Leipzig | Zuckerbude |
| Heinrich Preiß | Chemnitz | Schieß- und 2 Spielbuden |
| Gustav Krause | Chemnitz | Aalbude |
| Walter Thierfelder | Chemnitz | Eßwaren |
| Ida Walther | Chemnitz | Fischbrötchen |
| Wally Metzner | Auerbach i.V. | Eisbude |
| Max Brethfeld | Burgstädt | Spielwaren |
| Fritz Werner | Burgstädt | Makronen |
| Erich Bauer | Burgstädt | Zigarren, Zigaretten |
| Fritz Gehrke | Burgstädt | Wurst |
| Fritz Grahl | Heidenau | Spiele |
| Max Fischer | Wittgensdorf | Eis und Wurst |
| Paul Jungmann | Wittgensdorf | Wurst- und Fleischwaren |
| Ludwig Kirchlechner | Wittgensdorf | Alpenbrot |
Hinzu kamen noch die vereinseigenen Schießstände und -bahnen sowie die Gasthäuser Krone und Goldene Sonne sowie alle anderen Geschäfte und Gaststätten von Wittgensdorf. Allerdings mussten auch schon damals mit entsprechenden Anträgen an die Behörden einige amtliche Hürden genommen werden um die Veranstaltungen reibungslos durchführen zu könne. Hierzu liegen uns umfangreiche Dokumentationen vor, deren Veröffentlichung würde aber den Rahmen unserer Rundschau sprengen.
Die "Schützen Gesellschaft zu Wittgensdorf" existierte in dieser Form bis 1939. Mit dem beginnenden 2. Weltkrieg enden die Aufzeichnungen der Gesellschaft.
Am 18. Juni 2003 fanden sich 11 interessiert Sportschützen im Schützenhaus Irmscher in Wittgensdorf zusammen und gründeten die "Schützengesellschaft Wittgensdorf e.V. 1815". Diese wurde am 08.07. 2004 in das Vereinsregister von Chemnitz eingetragen und ist seit April 2004 Mitglied im Sächsischen Schützenbund und seit Juli 2007 Mitglied im Stadtsportbund. Damit setzen die Mitglieder der Schützengesellschaft Wittgensdorf e.V. 1815 im besten Sinne die Tradition der Wittgensdorfer Schützen fort.
Dietmar Esche, Ullrich Nier
Kultur- und Heimatverein Wittgensdorf e.V.